Auf ein Neues!

In der letzten Zeit kamen mehrere Mails von den Betreibern von blogg.de. Da ich momentan sehr, sehr sporadisch schreibe, habe ich darauf noch nicht reagiert. Aber vielleicht werde ich in nächster Zeit wieder vermehrt hier, auf meinem alten Blog schreiben. Dies ist der erste Blog, den ich überhaupt hatte. Erst später begann ich einen Blog auf myblog.de und, nachdem es dort so viele Probleme gab, bei blogspot.de.

Damit ich mich gleich einübe, auch hier Fotos einzufügen – bisher war es ein reiner Textblog -, kommt hier ein Foto einer Biene auf der roten Haselnuss. In unserem Hausgarten sind nebeneinander eine helle Haselnuss und eine rote („Rote Zeller“). Die Bienen waren seltsamerweise nur auf der roten Haselnuss zu finden. Da die Haselnuss ein Windbestäuber ist, wirkte diese Entdeckung besonders seltsam auf mich.

Biene-auf-Haselnuss_26-02-2015_Irmgard-Mailaender

Neues Buch

Einige meiner Geschichten und ein Märchen sind aktuell – lektoriert und verbessert – in einer Kurzgeschichten-Anthologie, herausgegeben von Karl Miziolek, erschienen: HIER ist das Cover zu sehen und zu lesen.
Weiteres kann man in meinem aktuellen Autorenblog lesen, auf dem ich allerdings sehr sporadisch schreibe.
Das Buch gibt es nur bei mir, Karl Miziolek oder den anderen Autorinnen zu kaufen.
Meine Märchen möchte ich erst veröffentlichen, wenn ich sie allesamt mit einer Lektorin zusammen durchgearbeitet und verbessert habe.
„Irmgard Mailänder“ ist übrigens die selbe wie „Irmgard Schertler“, die hier im Copyright auftaucht. Ich habe 2009 geheiratet und veröffentliche meine Geschichten aktuell unter meinem neuen Namen.

Hört doch auch …

… mal in den Märchenblog von Beatrice Amberg hinein. Dort liest Beatrice Amberg nicht nur klassische Märchen, sondern auch neuere Märchen, unter anderem auch einige meiner Märchen und Geschichten – so wie diese hier: Ein Wintermärchen

Außerdem könnt ihr auf Der offiziellen Weihnachtskarte 2006 (Polarausgabe) erst mal am 11. Dezember ein Gedicht von mir anhören – von mir persönlich gesprochen. Weitere Geschichten oder Märchen kommen evtl. noch.

Macht doch auch dort mit! Ich habe mit dem Betreiber dieser Seite gesprochen und er würde sich freuen, wenn noch viele Menschen sich an dieser Aktion beteiligen würden. Man kann das Gedicht oder die Geschichte per Telefon aufsprechen. Es geht ganz einfach. Man muss sich nur trauen. Meine Stimme hat auch ein bisschen gewackelt und klingt etwas hölzern, aber ich habe mich einfach mal getraut, obwohl ich solche Sachen nicht gewohnt bin. Der Text kann von einem selbst sein oder eine Geschichte oder ein Gedicht, das für einen zur Vorweihnachtszeit passt. Es wird auch der Ort desjenigen angezeigt, der sich beteiligt. Ich finde die Möglichkeiten, die sich da durch Google-Map bieten, einfach super interessant!

Ich wünsche euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit und ein friedliches besinnliches Weihnachtsfest 2006.

Das Herz aus Stein

Hallo ihr Lieben! Ich habe wieder ein neues Märchen geschrieben. Aber Vorsicht, Happy-End-Süchtige: Meine Märchen gehen nicht immer gut aus …

Das Herz aus Stein

Es war einmal eine junge Prinzessin, die jüngste von drei Schwestern. Diese erklärte eines Tages ihren Eltern, dass sie in die Welt hinausgehen wollte. Sie war schon immer etwas eigensinnig gewesen und hatte sich auch nie für schöne Kleider und Schmuck wie ihre Schwestern interessiert, sondern eher für die Natur, für die Tiere und Pflanzen und für handwerkliche Tätigkeiten, die sie heimlich bei den Bediensteten lernte.

Nun stand sie vor den Eltern und konfrontierte diese mit der Tatsache, dass sie die Welt kennen lernen wollte. Sie hatte ihre wenigen Habseligkeiten, die sie dazu brauchte, schon gepackt und stand nun vor Vater und Mutter. Diese schüttelten nur bedenklich den Kopf. Doch so sehr sie auch auf das Mädchen einredeten, sie konnten sie nicht umstimmen. So gaben sie am Ende nach und gaben ihr beide ihren Segen mit auf die Reise.

Die junge Prinzessin verabschiedete sich herzlich von ihren Eltern und den beiden Schwestern, winkte noch den Bediensteten des Schlosses zu und ging dann fröhlich davon. Kräftig schritt sie aus, so dass sie sich schnell vom heimatlichen Schloss entfernte. Oben auf der Anhöhe drehte sie sich noch mal um und schaute ein letztes Mal zum Elternhaus zurück. Doch dann machte sie kehrt und schritt wieder fest auf ihrem Weg dahin.

Bis zum Ende des Tages hatte sie schon eine große Strecke Weges hinter sich gebracht. Mittags hatte sie kurz Rast gemacht und etwas Brot gegessen und dazu ein wenig Wasser aus einem Lederschlauch getrunken. Jetzt wurde es schon langsam dunkel und sie war rechtschaffen müde und auch hungrig. Da sah sie in der Ferne ein Haus stehen, dessen Fenster hell erleuchtet waren. Es war ein altes, verfallen aussehendes Haus. Als sie es erreicht hatte, klopfte das Mädchen an der Türe, und eine alte Frau machte ihr auf. Das Gesicht der Frau war voller Runzeln, und als sie lächelte, sah die Prinzessin ihre schiefen Zähne und ihre Zahnlücken, aber trotzdem wirkte sie Vertrauen erweckend. Die Prinzessin fragte freundlich, ob sie der alten Frau im Haus helfen könne. Sie habe einiges gelernt. Sie bräuchte nur einen Platz zum Schlafen und eine warme Mahlzeit am Tag.

Das alte Mütterchen sah das junge Mädchen mit einem herzlichen Lächeln an. „Was kannst du denn, Mädchen?“ fragte sie. „Oh, ich habe vieles gelernt: Kochen, Wäsche waschen, Töpfern, Nähen …“, zählte die Prinzessin auf, die jetzt, nach dem langen Tag auf der staubigen Landstraße gar nicht mehr wie eine Prinzessin aussah. „Kannst du auch im Garten mit den Pflanzen umgehen?“ fragte die alte Frau. „Oh ja! Das habe ich immer ganz besonders gerne gemacht. Ich liebe die Pflanzen und die Tiere!“ rief die junge Frau aus. „Dann darfst du einige Zeit bei mir bleiben“, sprach die Alte. „Und du bekommst ein schönes Bett aus Stroh von mir, und ausreichend zu Essen wirst du auch von mir bekommen.

So bekam das junge Mädchen eine gute Mahlzeit und schlief die erste Nacht außerhalb des Schlosses auf einem aufgeschütteten Strohhaufen, auf den das Mütterchen eine Decke gebreitet hatte, und deckte sich mit einer weiteren Decke zu. Und sie glaubte, noch nie himmlischer geschlafen zu haben als auf dieser einfachen Schlafstätte. Am anderen Morgen erwachte sie froh und ausgeruht, stand auf, wusch sich draußen Gesicht und Hände am Brunnen und ging zu der alten Frau, um sich zeigen zu lassen, welche Arbeit sie machen sollte.

Die Alte führte sie in einen großen Park hinter dem Haus, der so gar nicht zu dem alten Haus zu passen schien, denn er sah sehr gepflegt und vornehm aus. Auf den fragenden Blick der Prinzessin hin erklärte das alte Mütterchen: „Ich sehe schon, du siehst etwas erstaunt aus. Ich verwalte und pflege nur den Park meines ehemaligen Herrn, dessen Schloss auf der anderen Seite des riesigen Parks liegt. Vor langer langer Zeit schon hat er uns verlassen und ich habe einfach den Park weitergepflegt, so wie ich es schon vorher, mit meinen Eltern zusammen, getan habe. Hier, in diesem Rondell, sollst du Unkraut jäten. Wenn es Essen gibt, werde ich dich rufen.“ Sprachs, und verschwand.

Das Mädchen, das mit einer Schürze, die sie von dem Mütterchen bekommen hatte, jetzt wirklich nur noch wie ein einfaches Mädchen aussah, machte sich eifrig ans Werk. Sie zupfte das Unkraut zwischen den herrlichen Blumen heraus und legte es in einen Korb, den sie mitgebracht hatte. Langsam arbeitete sie sich um das Rondell herum, bis das ganze Blumenbeet frisch und sauber dastand. Alles Unkraut war ausgezupft, und es sah wieder wunderschön aus. Das junge Mädchen richtete sich auf und streckte sich. Dann ging sie neugierig etwas weiter in den Park hinein, denn anscheinend war das Essen noch nicht fertig.

Überall blühten prachtvolle Sträucher, und wunderschön angelegte Blumenbeete, eingefasst mit Buchsbaumhecken, waren in streng geometrischer Form angelegt. Als sie noch tiefer in den Park hineinging, blieb sie plötzlich vor etwas Seltsamem stehen: In einem Pavillon aus Holz, der von einem wunderschön rot blühenden Kletterrosenstrauch überwuchert war, stand eine kunstvoll verzierte Bank. Und darauf „saß“ eine Skulptur aus Stein. Es sah so aus, als habe sich dort ein Mensch gerade erst niedergesetzt, so lebensecht sah diese Statue aus. Wie magisch angezogen, kam die junge Prinzessin näher, bis sie ganz nahe vor der Steinskulptur stand. Wie seltsam! Auch die Gesichtszüge wirkten so lebensecht. Wie traurig diese Statue aussah! Sie fuhr ganz zart über das Gesicht aus hartem Stein. Er war glatt und weich, aber eben kalt, wie Steine nun mal sind.

Nachdenklich setzte sich das junge Mädchen auf die Bank neben die Steinstatue und betrachtete sie. Ein magischer Zauber ging von dieser Statue aus. Sie hatte immer wieder das Bedürfnis, sie anzufassen und über das Gesicht zu streicheln. Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, welch ein Mann ihr so gefallen würde, dass sie ihr Leben mit ihm teilen wollte. Aber jetzt, in diesem Augenblick, wusste sie, dass er so aussehen musste wie diese Skulptur aus Stein. Wieder und wieder streichelte sie über das Gesicht, dessen trauriges Lächeln sich auf so wundersame Weise in ihr Herz schlich.

Da hörte sie von weit her das Rufen des alten Mütterchens, das sie zum Essen rief. Sie sprang auf und lief schnell zum Haus, wo die alte Frau schon auf sie wartete. „Wo warst du denn? Ich habe dich gar nicht mehr gesehen“, fragte die Alte. „Ich bin, nachdem ich das Blumenbeet fertig gejätet hatte, tiefer in den Park gegangen, um mich umzusehen“, antwortete das Mädchen. „Komm, das Essen ist fertig“, sprach das Mütterchen freundlich. Sie setzten sich an den schlichten Tisch in der Stube, beteten und aßen das einfache, aber nahrhafte Mahl. Keiner sprach dabei ein Wort.

Doch als sie fertig waren und das Mädchen die irdenen Teller, den Topf und die Löffel abwusch, stellte es der alten Frau die Frage, die sie die ganze Zeit beschäftigte: „Liebes Mütterchen, kannst du mir sagen, was es mit dieser Statue tief im Park unter dem Pavillon für eine Bewandtnis hat? Sie sieht so lebensecht aus. Und ich habe mich von ihr wie magisch angezogen gefühlt.“ Das junge Mädchen hatte keine Scheu vor der Alten und war es auch nicht gewohnt, ihre Gefühle zu verbergen.

Das alte Mütterchen, das sie eben noch herzlich angelächelt hatte, wurde mit einem Mal ganz traurig. Sie setzte sich auf ihre Bank, als ob sie plötzlich keine Kraft mehr hätte zu stehen. „Weißt du, das ist eine lange Geschichte. Und eine traurige noch dazu. Willst du sie wirklich hören?“ Als das Mädchen nur heftig nickte, fuhr die Alte fort:

„Also: Es lebte einmal vor langer Zeit hier im Schloss ein junger Prinz, der war so lebensfroh und heiter, dass er alle Menschen um sich herum bezauberte. Jeder, ob jung oder alt, mochte ihn wegen seinem fröhlichen Wesen. Doch eines Tages verliebte er sich in eine junge Prinzessin, die seiner Liebe nicht wert war. Sie machte sich nur über ihn lustig und nahm ihn nicht ernst. Dass sie ihn nicht wiederliebte, erkannte er erst sehr spät. Sie hatte sich einen anderen Prinzen gesucht, der prächtiger daherkam und ein größeres Schloss hatte. Und kalt hatte sie dem verliebten Prinzen ins Gesicht gesagt, dass sie einen besseren Bräutigam als ihn gefunden hätte.

Da ist eine ganze Welt für ihn zusammengebrochen. Er zog sich zurück. Und ging nicht mehr unter die Leute. Keiner hat ihn jemals wieder lächeln oder gar lachen sehen. Immer stand nur noch dieser tieftraurige Ausdruck auf seinem Gesicht. Den ganzen Tag lang saß er in diesem Pavillon und keiner konnte ihm in seinem Schmerz helfen …“

„Ich weiß jetzt“, unterbrach sie da eifrig die Prinzessin, die atemlos dieser traurigen Geschichte gelauscht hatte, „und als der Prinz irgendwann starb, hat man eine Statue ihm zu Ehren in diesem Pavillon aufgestellt.“

„Du irrst dich“, sprach da bedächtig die alte Frau. „Hör mir bitte weiter zu. Ich muss erst noch die Geschichte zu Ende erzählen, dann wirst du verstehen. Also: … keiner konnte dem jungen Prinzen helfen. Meine Eltern, die ja die Pflege des Parks zur Aufgabe hatten, sahen ihn jeden Tag dort sitzen und fragten ihn oft, was sie für ihn tun könnten. Ich war damals noch ein kleines Mädchen, und – neugierig wie ich war – hielt ich mich auch oft in der Nähe des Pavillons auf, weil der traurige Prinz auch mich traurig machte. Manchmal rief er mich zu sich her. Dann durfte ich mich zu ihm setzen, und er erzählte mir seine traurige Geschichte. Doch meistens wollte er mit seinem Schmerz alleine sein.

Und – irgendwann begann er sich zu verändern. Zuerst schien sein Herz zu Stein zu werden, denn er nahm überhaupt keinen Anteil mehr an dem, was um ihn herum vorging. Mich und meine Eltern, oder andere Bedienstete, schien er überhaupt nicht mehr zu bemerken. Er zeigte keine Gefühlsregungen mehr, weder Freude noch Trauer. Und … so nach … und nach … begann diese steinerne Kälte ganz von ihm Besitz zu ergreifen, bis … ja, bis … eines Tages …“

Die alte Frau stockte und brachte kein Wort mehr heraus. Sie musste heftig schluchzen. Erst nach einiger Zeit hatte sie sich wieder soweit beruhigt, dass sie weiter sprechen konnte: „… bis er eines Tages ganz zu Stein geworden war.“ Sie schluchzte wieder laut auf. „Die unglückliche Liebe zu dieser Prinzessin hatte sein Herz zu Stein werden lassen. Und am Ende wurde er ganz zu Stein. – So, das ist nun die ganze Geschichte. Nun weißt du, warum die „Statue“ so lebensecht wirkt. Sie war einmal ein Mensch.“

Das junge Mädchen hatte atemlos zugehört. Ihr Herz war voller Mitleid für den Prinzen mit diesem traurigen Schicksal. Die Geschichte musste sie erst einmal auf sich wirken lassen und verarbeiten. Sie ging zum alten Mütterchen, das von Schluchzen geschüttelt wurde und streichelte sanft über ihren Rücken. „Kann denn nichts und niemand dem Prinzen helfen?“ fragte sie bang. – „Nein, nichts kann dem Prinzen helfen“, erwiderte die alte Frau. „Eis kann wieder schmelzen, aber Stein bleibt immer Stein. Ein Mensch, der einmal versteinert ist, also zu Stein geworden ist, kehrt nicht mehr zu den Lebenden zurück.“

„Darf ich ihn besuchen, wenn ich jeweils mit meiner Arbeit fertig bin?“ bettelte die Prinzessin. „Natürlich, so oft du willst. Warum sollte ich es dir verwehren? Du kannst nichts helfen, aber auch nicht schaden“, antwortete die Alte gütig und strich dem Mädchen über die Haare. „Für heute hast du sowieso genügend gearbeitet. Wenn du willst, kannst du ihn besuchen.“ Sofort sprang das Mädchen auf und lief in den Park. Sie setzte sich neben den versteinerten Prinzen und streichelte diesmal noch zärtlicher sein Gesicht. Ganz still saß sie neben ihm, glücklich, in seiner Nähe zu sein, und berührte nur immer und immer wieder seine Wangen, streichelte und koste sie, auch wenn sie kalt und leblos blieben.

Was soll ich noch erzählen? Habt ihr allen Ernstes geglaubt, dass die Geschichte gut ausgeht? Nein, Stein lässt sich nicht erweichen. Die Prinzessin hat bis an ihr Lebensende die Stunden neben der kalten Statue aus Stein zugebracht, die einmal ein lebendiger Prinz war. Und dessen Herz zu Stein geworden war. Ihr Herz schlug bis zuletzt heiß und voller Liebe in ihrer Brust. In ihrem Herzen stand fest, dass sie mit keinem anderen ihr Leben teilen wollte. Aber sein Herz aus Stein konnte nichts mehr erweichen …….

Copyright: Irmgard Schertler

Jahreszeiten der Liebe oder: Jahreswechsel

Es ist Frühling geworden. Die Knospen, die den Winter hindurch vor sich hingeträumt haben, erwachen nun und öffnen sich. Sie strecken sich sehnsüchtig der Sonne entgegen, um die ersten warmen Sonnenstrahlen in sich aufzusaugen und wärmen sich, der Sonne entwöhnt durch lange Winterabende, ihre durchfrorenen Blätter auf. Alles erwacht zu neuem Leben – auch die Menschen, die den Winter hindurch nach Sonne gehungert haben, wärmen sich an ihren Strahlen.

Zwei junge Menschen gehen langsam, als ob sie träumten, die Wege entlang. Sie scheinen diese wunderbare Wandlung der Natur nicht zu bemerken. Sie hat ihre Hand zaghaft in die seine gelegt und wagt kaum, ihn anzusehen. Von Zeit zu Zeit nur streift sie mit einem fragenden Blick sein Gesicht. Es scheint, als ob sie ihn unruhig fragen möchte, ob er genauso fühlt wie sie, ob auch er wie berauscht ist von der leisen Zärtlichkeit, die sie umhüllt und eingeschlossen hat. Stundenlang könnte sie so neben ihm gehen und in sich hineinlauschen, auf das neue Gefühl, das in ihr erwacht ist. Sie möchte am liebsten mit ihm verschmelzen, ganz in ihm aufgehen und für immer eins sein mit ihm.

Die Knospen sind nun aufgebrochen, Bäume und Sträucher sind übersät mit Grün und scheinen unter der Blütenfülle, die sie tragen müssen, fast zusammenzubrechen. Auch die Liebe der beiden jungen Menschen schien sich gleichsam wie eine herrliche Blüte zu entfalten, an deren Knospen noch niemand sah, welche wunderschöne Blume daraus werden würde. Und mit ihr scheint auch sie aufzublühen, ihre Augen strahlen, und über ihrem ganzen Wesen liegt ein verträumter und glücklicher Zauber.

Und es ist Sommer geworden. Die Welt gleicht nun einem Blumenmeer. In einer Vielzahl und Farbenpracht, wie sie nur die Natur bieten kann, prunken Wald, Wiesen und Felder. Zwei junge Menschen taumeln durch dieses Feuerwerk der Farben. Immer neue Schönheiten entdecken sie, freuen sich, dass sie gemeinsam solche wunderbaren Dinge erleben können. Immer wieder sieht sie glücklich und strahlend in sein Gesicht.

Die Menschen scheinen nun endgültig aufgewacht zu sein, und ihre Herzen sind aufgetaut unter den warmen Strahlen der Sonne, die den ganzen Tag vom Himmel glüht wie ein riesiger Feuerball. Alle Menschen sind fröhlicher und aufgeschlossener geworden, und sie sehen verständnisvoll dem jungen Paar nach, das so verliebt und überglücklich durch die Straßen geht.

Die beiden packt der Übermut – sie müssen einfach irgendetwas anstellen, sonst platzen sie vor Glück. Sie laufen barfuß durch den warmen Sommerregen, mitten auf der Straße beginnen sie zu tanzen und zu singen, springen über Pfützen, spielen Verstecken … und ruhen sich atemlos in den Armen des anderen aus. Mitten in einem Kuss müssen sie plötzlich lachen, sie läuft davon, er läuft ihr nach, holt sie ein, und lachend halten sie sich wieder in den Armen. Endlos scheinen diese Spiele zu sein, immer neue Spiele entdecken sie, kosten sie aus, bis sie müde werden und wenden sich dann dem nächsten zu … und sie glauben, diese glückliche Zeit wird nie vergehen …

Doch dann wird es Herbst. Nur noch vereinzelt sind Blumen auf den Wiesen zu sehen, die Welt hat gedämpfte Farben angenommen. Die Blätter färben sich und lösen sich von den Bäumen, so dass diese kahl und schutzlos zurück bleiben. Es wird kälter. Die Menschen hüllen sich frierend enger in ihre Mäntel und hasten eilig durch die Straßen, um bald wieder zuhause zu sein, wo es warm und gemütlich ist.

Zwei junge Menschen gehen nachdenklich nebeneinander her. Sie fröstelt und hüllt sich enger in ihren Mantel – immer wieder sieht sie bang in sein Gesicht. Er ist fremd und abweisend geworden, vergebens sucht sie nach den vertrauten Zügen, die ihr so lieb geworden sind. Wenn er sie ansieht, schauert sie zusammen unter der Kälte und Gleichgültigkeit in seinem Blick. Wann begann diese Veränderung in ihm? Sie weiß es nicht – sie hatte geglaubt, es würde immer so bleiben. Doch seine Liebe welkt nun dahin wie ein Blatt im Wind, und sie kann nichts dagegen tun, gar nichts. Sie muss hilflos zusehen, wie er ihr immer fremder wird. Sie möchte aufschreien, ihn packen und schütteln, damit er endlich aufwacht aus seiner Gleichgültigkeit und wieder so ist wie am Anfang ihrer Liebe – doch sie wagt nicht einmal mehr, ihn zu berühren, um nicht zusammenzuschauern unter der Kälte, die jetzt von ihm ausgeht. Ihr Herz will sich zusammenkrampfen in stummer Qual, ein dicker Kloß steckt in ihrer Kehle, die Augen brennen von tausend ungeweinten Tränen … und sie schließt die Augen, um ihn nicht mehr ansehen zu müssen, der ihr jetzt so fremd geworden ist.

Und es wird Winter. Barmherzig senken sich die Schneeflocken auf Bäume und Sträucher, um sie zu schützen und zu wärmen. Die Welt bekommt ein ganz neues Gesicht – alles Unschöne und traurig Machende wird zugedeckt mit einem weißen Teppich. Die Menschen sehen staunen wie Kinder zum Himmel, von dem nie enden wollende Scharen von Schneeflocken wirbeln. Und sie wagen sich wieder heraus aus den Häusern, warm eingemummt in Mäntel, Mützen und Schals.

Nur eine bleibt zuhause und sieht durch das Fenster, ohne das Geschehen draußen zu bemerken. Vor ihren Augen scheint immer wieder ein Film abzulaufen, von den Tagen im Sommer, wo sie noch geborgen war und eingehüllt in warme Zärtlichkeit. Jetzt ist sie allein, so unendlich allein. Sie presst ihre heiße Stirn gegen die kühle Fensterscheibe, und sie schließt die Augen, um den Bildern zu entrinnen – doch sie verfolgen sie auch hierhin, quälen und martern sie. `Warum?´ hämmert es in ihrem Kopf, `Warum?´

Der Winter scheint endlos zu sein – immer nur die gleiche weiße Fläche, die leere und trostlose Fläche. Die Menschen sitzen zuhause, längst hat der Schnee seinen Reiz verloren, nur einige unermüdliche Kinder rodeln den Hang hinunter. Alle scheinen ungeduldig dem Frühling entgegen zu fiebern, in dem die Sonne die ewig weiße Fläche aufleckt mit ihren Strahlen und sich abermals Knospen öffnen, als Zeichen dafür, dass das Leben immer wieder über den Tod siegt.

Unruhig sieht auf das junge Mädchen zum Fenster hinaus, auch sie wartet auf den Frühling. Sie weiß nicht warum, aber eine frohe Erwartung erfüllt ihr Herz. Sie ist innerlich ruhiger geworden, sie fragt nicht mehr, warum das alles geschehen ist, sie hat gelernt aus dem, was sie erlebt hat. Und sie glaubt jetzt wieder and das Wort, dass alles vorübergeht – die Freuden, aber auch das Leid. Man darf dem vergangenen Glück nicht nachtrauern, das weiß sie jetzt.

Und wieder wird es Frühling. Ein neues Leben erwacht – alles, was den Winter über wie tot schien, fängt wieder an zu leben und zeigt seine ganze Pracht, die in ihm steckt. Überall sprießt Grün hervor – das Zeichen des Lebens, nur hie und da ist noch ein kleines Fleckchen Schnee zu sehen, und auch das hat bald die Sonne weggeleckt. Überall entsteht neues Leben und auch die Menschen schöpfen neue Hoffnung.

Und das junge Mädchen geht die Wege entlang, als ob sie zum ersten Mal solche Schönheit erleben würde. Das Grün scheint ihr intensiver, das Blau des Himmels strahlender und die ersten Sonnenstrahlen wärmer. Immer wieder muss sie ihn ansehen, der dieses Wunder bewirkt hat, der das Herz aufweckte, das die Tür schon fest verschlossen hatte und das sie schon für tot geglaubt hatte. Sie hält fest seine Hand, um nicht plötzlich wieder aufzuwachen aus diesem wunderschönen Traum.

Sie ist vorsichtiger geworden, sie kann noch nicht glauben, dass es Wahrheit ist. Dass es einen Menschen gibt, der sich genauso wie sie nach Zärtlichkeit sehnt, der behutsam all die Gefühle in ihr weckt, die tief in ihr geschlummert haben. Sie genießt jeden Augenblick, den sie mit ihm verbringt. Es scheint, als wolle sie die Erinnerungen in ihrem Herzen bewahren, damit keiner sie ihr mehr wegnehmen kann. Sie wagen beide nicht, von Liebe zu sprechen, und doch fühlt sie es mit jedem Tag mehr, wie dieses Gefühl immer stärker wird, das sie für ihn empfindet. Stundenlang könnte sie in seine Augen sehen, seine ganze Seele scheint sich vor ihr auszubreiten. Und sie betet: Lass mir diesen einen Menschen, ich liebe ihn doch so sehr.

Dann wird es Sommer. Die Welt strahlt nun in bunten Kinderfarben. Die Sonne bringt auch sonst unscheinbar aussehende Dinge zum Leuchten, alles strahlt und glänzt im Wiederschein der Sonne. Die Menschen werden gelöster, sie tauen auf unter dieser Wärme und inmitten all dieser fröhlichen Farben. Sie freuen sich, dass sie auf dieser Welt sind, und sie leben für das Jetzt, für diesen Augenblick, den sie auskosten müssen, ehe er vorüberstreicht.

Nur zwei Menschen lassen sich nicht von dem Trubel und der ausgelassenen Fröhlichkeit anstecken. Langsam und bedächtig gehen sie durch die Tage, sie lassen sich nicht blenden vom Glanz des Augenblicks, sondern sie suchen das Wesentliche. Immer wieder suchen ihre Augen einander, sie lächeln sich an und schmiegen sich aneinander. Hand in Hand gehen sie umher, in ernste Gespräche versunken über ihre Gedanken und Ansichten, über ihre Gefühle und über ihre Zukunft, die vor ihnen liegt. In der alles noch offen ist, alles allein in ihren Händen liegt – Glück oder Unglück, Einsamkeit oder ein erfülltes Leben zu Zweit. Und je länger sie sich kennen, desto klarer wird ihnen, dass sie zusammengehören – untrennbar.

Und dann wird es Herbst. Nun trennt sich das Unwesentliche vom Wesentlichen, das Unbeständige vom Beständigen. Die Blätter, die den Sommer über saftig und immerwährend grün erschienen, beginnen nun ihre Farbe zu wechseln – zuerst schillern sie noch in bunten, warmen Farben, doch dann liegen sie grau und welk am Boden, von vielen Füßen zertreten und vom Wind zerfetzt. Nur einige Bäume behalten ihr Kleid. Es ist eher unscheinbar, sie haben auch nicht solch imposante Formen wie die anderen Bäume – doch sie bleiben grün, unbeirrbar durch Frost und Kälte. Sie haben nicht all ihre Kraft in ein schönes Blätterkleid gesteckt, das sie in Zeiten des Hungers und der Kälte nicht mehr erhalten können. Sie haben nur im Frühjahr ihre jungen Triebe ausgestreckt, sind ein Stückchen gewachsen, und haben sich mit einem weniger auffälligen Kleid begnügt, das sie das ganze Jahr über erhalten können. Die Tage werden kalt und regnerisch. Die Leute hetzen durch die Straßen, um schnell nach Hause zu kommen. Sie achten nicht mehr auf die anderen, sie haben selbst ihre Sorgen.

Und unsere beiden jungen Menschen? Die gehen noch immer gemeinsam durch die Straßen. Der Regen und die Kälte können ihnen nichts anhaben, sie schmiegen sich nur noch enger aneinander. Es ist eine Zeit der Bewährung für sie, die sie mühelos bestehen – gleich den Nadelbäumen, die ihre Farbe niemals wechseln, bleiben sie ihrer Liebe treu. Sie prahlen nicht mit ihrer Liebe und schreien sie nicht in die Welt hinaus. Sie bauen sich im Stillen ein ruhiges, dauerhaftes Glück, dem auch Hunger und Kälte nichts anhaben können.

Und auch als es Winter wird, ändert sich wenig bei diesen zwei Menschen. Sie sehen nun zusammen hinaus auf die weiße Landschaft, beobachten die tanzenden weißen Schneeflocken, die nach ihrer langen, weiten Reise ausruhen auf dem weißen Teppich, um sich dann im Frühling wieder aufwecken zu lassen und ihre Reise dann von Vorne beginnen. Und auch die beiden jungen Menschen sehen dem Frühling entgegen, dem neuen Jahr … und einer gemeinsamen Zukunft.

ENDE

Copyright: Irmgard Schertler

Das heiße Herz – ein Märchen

Es war einmal eine junge Frau, die trug eine unglückliche Liebe in sich. Sie musste ständig an diesen Mann denken, der sie leider nicht wiederliebte. Ihr Herz tat so weh alleine bei dem Gedanken an ihn. Heiß und wund lag das Herz in ihrer Brust und manchmal klopfte es hart und schmerzvoll gegen die Rippen. Sie wünschte sich oft, nicht mehr solch ein heißes Herz zu haben.

Eines Tages, als sie im Wald spazieren ging, um sich von ihrem Kummer etwas abzulenken, traf sie eine seltsame alte Frau. Diese war sonderbar gekleidet – wie aus einer früheren Zeit stammend. Die alte Frau begrüßte sie mit freundlicher Stimme. Es schien fast so, als ob sie die junge Frau kannte, so herzlich warm und teilnahmsvoll sah sie diese dabei an. Zögernd und etwas irritiert grüßte die junge Frau zurück.

„Warum siehst du denn so traurig aus?“ fragte die Alte. „Erzähl mir doch deinen Kummer, vielleicht kann ich dir helfen.“ – „Du kannst mir nicht helfen, niemand kann mir helfen!“ brach aus der jungen Frau heraus. „Ach, wenn ich doch dieses heiße Herz nicht mehr hätte!“

„Weißt du, was du dir da wünscht?“ fragte da die sonderbare alte Frau mahnend. „Du würdest keine Trauer und keinen Schmerz mehr empfinden, aber auch keine Freude und kein Glücksgefühl mehr.“ – „Welche Freude, und welches Glücksgefühl?“ stieß die junge Frau geringschätzig und bitter hervor. „Warum sollte ich das jemals wieder empfinden?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, mein armseliges Herz hat mir immer nur Kummer bereitet. Ich möchte endlich wieder Ruhe und Frieden in mir spüren.“ – „Wenn du willst, werde ich dir deinen Wunsch erfüllen“, sprach die seltsame Alte. „Aber bedenke es wohl: Dein Herz wird immer nur in ruhigem Gleichklang schlagen, es sind dir keine tiefen Gefühle mehr möglich.“

„Dann erfülle mir meinen Wunsch, bitte! Je eher ich von meinem heißen Herzen erlöst werde, desto besser ist es für mich.“ – Ungeduldig und hoffnungsfroh sah die junge Frau die Alte an. Diese betrachtete sie gütig und sagte: „Geh nur heim, du wirst dann schon sehen, ob ich dir helfen konnte.“ Sie winkte der jungen Frau zu, machte sich wieder auf den Weg und verschwand nach kurzer Zeit hinter der nächsten Wegbiegung.

Langsam und nachdenklich ging die junge Frau nach Hause. Es schien immer noch alles wie sonst zu sein. Ihr Herz schlug in der Brust wie vorher. Wenigstens konnte sie keinen Unterschied feststellen. Als sie das Dorf erreichte, begegnete sie dem Mann, der diese Herzensqualen bei ihr verursacht hatte. Aber was war das? Sie konnte ihn ruhig ansehen und gleichmütig an ihm vorüber gehen, ohne dass ihr Herz schneller und lauter klopfte und ohne dass es sich vor Schmerz zusammenkrampfte wie sonst. Sie empfand nur noch ein leichtes kleines Bedauern.

Staunend stellte sie fest, dass ihr sonst so heißes Herz ruhig und gleichmäßig in ihrer Brust schlug. Nichts tat mehr weh. Wie schön. Eine leise Freude stieg in ihr auf, als ihr bewusst wurde, dass diese sonderbare alte Frau wirklich ihr Versprechen wahr gemacht hatte.

Auch in den nächsten Tagen schlug ihr Herz gleichmäßig und ruhig, und die junge Frau war froh darüber. Es war so schön, mit freiem unbelastetem Herzen durchs Leben gehen zu können. Große Freude konnte sie ja nicht mehr empfinden. Aber das machte ihr nichts aus. „Es ist gut so“, dachte sie oft, „endlich bin ich von meinem heißen Herzen erlöst.“

Wenn sie ein verliebtes Paar sah, das glücklich Zärtlichkeiten austauschte, tat ihr das nicht mehr weh. Sie sah sogar etwas verständnislos auf die beiden, konnte ihre Gefühle nicht nachempfinden. Sie war ja auch noch nie wiedergeliebt worden, hatte Liebe nur als etwas Schmerzvolles erfahren. Da war es doch viel schöner, mit ruhiger Gleichmut und Gelassenheit den ausgelassenen Kapriolen der Liebespaare zusehen zu können.

Nur ab und zu, wenn sie Kindern versunken in ihrem Spiel zusah, wie lebensfroh und glücklich sie dabei waren, zog leise Wehmut in ihr Herz. Denn dieses Gefühl kannte sie: das Glück der unbefangenen Kindheit, die tiefe Versunkenheit in ein Spiel und die reine Freude an den einfachsten Dingen. Diese Gefühle würde sie nie wieder erleben können. Denn sie würde immer nur ruhig und gleichmütig allem gegenüberstehen.

Nach und nach kamen ihr Zweifel, ob ihre Entscheidung so gut und richtig war. Ja, sicher, es war schön, nicht mehr diese jämmerlichen Herzschmerzen ertragen zu müssen. Aber sie gab damit gleichzeitig auch die tiefe Freude an all dem auf, was es im Leben gab. Das kam ihr erst jetzt richtig zum Bewusstsein.

Was sollte sie nur tun? Jetzt war es zu spät. Sie hatte die alte Frau darum gebeten, und ihr Wunsch war erfüllt worden. In den Nächten konnte sie jetzt nicht mehr richtig schlafen, weil sie ständig daran dachte, welchen riesengroßen Fehler sie gemacht hatte. Und tagsüber ging es ihr auch nicht mehr aus dem Sinn.

Da ging sie eines Tages wieder im Wald spazieren, um auf andere Gedanken zu kommen. Tief versunken in ihre Überlegungen merkte sie nicht, wie plötzlich wieder die alte Frau vor ihr stand. Erst als diese sie ansprach, sah sie auf. „Was hast du denn für tiefschürfende Gedanken, dass du nicht einmal siehst, wer des Weges kommt?“ fragte die sonderbare Alte lächelnd.

„Ach, weißt du“, sagte da die junge Frau mit leiser Trauer in der Stimme, „ich bereue inzwischen, worum ich dich gebeten habe. Ich habe mich um einige glückliche Momente meines Lebens gebracht. Auch wenn mein Herz oft sehr weh getan hat und heiß und wund in meiner Brust lag, so hat es mir doch auch manchmal Freude gebracht. Und diese Freude kann ich nicht mehr erleben, weil ich keine tiefen Gefühle mehr empfinden kann. Was soll ich nur tun?“

Die alte Frau lächelte fein. „Ich wusste, dass du nach einiger Zeit einsehen würdest, dass es wichtig ist, Gefühle zu haben. Auch wenn dir dein Herz manchmal weh tut – du kannst deinen Gefühlen nicht entfliehen. Du musst sie aushalten und an ihnen wachsen. Dann wirst du auch wieder Freude und tiefes Glück empfinden können. Ich weiß, dass du ein weiches Herz hast. Das ist manchmal schwer für dich, denn du kannst dadurch tief verletzt werden. Aber du kannst dadurch auch Gefühle viel tiefer und inniger empfinden als andere, die ihr Herz verhärtet haben.“

„Ich weiß“, sagte die junge Frau traurig, „aber jetzt ist es zu spät. Wie gerne hätte ich mein heißes Herz wieder zurück. Ich würde die tiefen Schmerzen ertragen, weil ich weiß, dass ich auch irgendwann wieder Glück empfinden kann.“ – Die Alte kam auf sie zu und streichelte ihre Wange. „Du bekommst dein heißes Herz wieder zurück, so, wie du es dir wünscht. Ich habe es dir nur genommen, um dir zu zeigen, wie wichtig es ist, Gefühle empfinden zu können. Leb wohl, und gehe sorgsam mit deinem Herzen um – und auch mit den Herzen der anderen; denn jeder von uns hat so ein heißes Herz, auch wenn er es im Laufe seines Lebens gegen andere verhärtet hat.“ Sprach`s – und verschwand.

Die junge Frau wusste im ersten Moment gar nicht, wie ihr geschah. Sie glaubte, gerade geträumt zu haben und ging wieder nach Hause. Doch was war das? Plötzlich hörte sie die Vögel in den Bäumen melodiöser zwitschern und sah die Sonne strahlender am Himmel stehen. Die Blumen am Wegrand schienen viel bunter zu sein, und das Blau des Himmels erschien ihr leuchtender denn je. Ihr Herz begann stürmisch zu klopfen und sie wollte jauchzen, so froh wurde ihr ums Herz. Da wusste sie, dass sie nicht geträumt hatte.

Als sie das Dorf erreichte, begegnete ihr der Mann, der ihr, ohne es zu wissen, Herzensqualen verursacht hatte. Er sah erstaunt auf die junge Frau, die so froh und heiter des Weges ging. Die junge Frau grüßte ihn freundlich, denn er trug ja keine Schuld an ihrem Herzweh. Er hatte ja nichts von ihrer heimlichen heißen Liebe zu ihm gewusst. Wohl klopfte ihr Herz immer noch unruhig und ein bisschen weh in ihrer Brust, aber das war nichts im Vergleich zu der Freude, die sie überflutete, weil sie wusste, dass sie wieder alle Gefühle empfinden konnte, die es gab: Trauer, Wehmut, Schmerz, aber auch Freude, Glück und … Liebe.

Und niemals wieder vergaß sie die Worte der alten Frau, die ihr gesagt hatte: „… gehe sorgsam mit deinem Herzen um – und auch mit den Herzen der anderen; denn jeder von uns hat so ein heißes Herz, auch wenn er es im Laufe seines Lebens gegen andere verhärtet hat …“

Copyright: Irmgard Schertler

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Ein Wintermärchen

Es war einmal vor langer langer Zeit in einem fernen Land … . Es war Winterszeit, aber kein Schnee war weit und breit zu sehen. Es war bitter kalt, und die Weiher und Seen waren zugefroren. Aber es hatte schon lange nicht mehr geschneit. Die Kinder schlidderten zwar ab und zu auf dem gefrorenen Eis herum, aber sie sehnten sich danach, Schneemänner und –burgen bauen zu können und Schlitten zu fahren. Sehnsuchtsvoll sahen sie immer wieder nach oben, ob nicht endlich die ersehnten Schneeflocken sanft vom Himmel herab wirbelten.

Nicht nur die Kinder, auch die jungen Männer und Mädchen sehnten den Schnee herbei. Sie hatten immer solch fröhliche Spiele im Schnee veranstaltet. Doch jetzt sah man kaum jemand von den jungen Leuten draußen. Es war ihnen einfach zu kalt – und zu trostlos. Ein junger Mann, den sie Jan nannten, machte sich darum eines Tages auf, die Winterkönigin zu suchen. Er wusste nur aus Erzählungen, wo sie leben sollte. Aber er war zuversichtlich, sie zu finden. Und dann wollte er sie bitten, es endlich wieder schneien zu lassen.

Frohen Mutes schritt er aus, warm eingepackt in einen langen Mantel, eine wärmende Mütze und dicke Stiefel. Lange Stunden wanderte er so dahin; immer weiter ging es durch diese kalte eisige Landschaft. Überall war nur Eis zu sehen und kahle, frierende Bäume, die ihre nackten Äste in die frostige Luft streckten.

Als er schon fast nicht mehr daran glaubte, dass er jemals etwas anderes zu sehen bekäme, erreichte er ein großes Tor. Seltsam sah dieses Tor aus: Es bestand aus gefrorenem Eis, und war über und über mit großen Schneekristallen bedeckt. Es glitzerte und funkelte nur so in dem Schein der Wintersonne! Jan betrachtete voller Freude die wunderschönen funkelnden Schneekristalle. Doch wie fassungslos war er, als er durch das Tor trat: so weit er schauen konnte, war alles mit einer dicken Schicht aus weißem flaumigem Schnee bedeckt. Tief sanken seine Füße in dem dichten Schnee ein, als er weiter ging.

Er konnte sich nicht satt sehen an dem zauberhaften Anblick. Wie berauscht war er von dem Bild, das sich seinen Augen darbot. Wie lange hatte er schon nicht mehr so eine dicke Schneedecke gesehen? Zwei, drei – viele viele Jahre! Die Äste der Bäume bogen sich von der dichten Schneelast, die sie bedeckte. Alles war mit einer dicken Schneemütze bedeckt – so weit das Auge reichte. Und überall standen Statuen aus Eis herum, die seltsam echt wirkten.

Jan stapfte weiter durch den dichten Schnee, bis er an einem mächtigen Eispalast ankam. Das Tor stand offen, … und gerade kam ein anmutiges Wesen aus diesem Tor, dessen Anblick Jan den Atem anhalten ließ: es war eine junge Frau von berückender Schönheit. Sie war von schlanker Gestalt, mit langen Haaren in kühlem Blond. Ihre Augen waren von einem Blau, so blau wie der Winterhimmel. Ihr Kleid glitzerte über und über von Eiskristallen, und der dicke Mantel, den sie darüber trug, war so weiß und weich wie die Schneedecke um sie herum.

Mit sanfter Stimme sprach die Winterkönigin zu Jan: „Sei willkommen in meinem Reich! Sieh dich um, all das Schöne soll nur für dich sein. Es wäre schön, wenn du bei mir bleiben würdest, denn ich bin immer so alleine.“ Jan war bezaubert von dem schönen Wesen, und hätte alles versprochen, was sie nur wollte. Er ließ sich von ihr bewirten mit den herrlichsten Speisen, machte lange Spaziergänge mit ihr und lauschte gebannt dem sanften Klang ihrer Stimme.

Er spürte, dass seine Anwesenheit die Winterkönigin glücklich machte. Doch trotzdem lag immer ein Hauch von Schwermut über ihrem Wesen. Er konnte sich nicht erklären, warum sie so traurig war. Schon längst hatte er vergessen, weswegen er sich überhaupt auf den Weg zu ihr gemacht hatte. Sein ganzes Sinnen war danach ausgerichtet, in der Nähe der bezaubernden jungen Frau zu sein.

Aber – am Anfang noch unmerklich, doch dann immer offensichtlicher – begann sich Jan zu verändern: seine Haut wurde kalt und fahl, das Blut pulsierte nicht mehr so lebensfroh durch die Adern; es wurde immer schwerer für ihn, zu atmen und sich zu bewegen. Bis, … ja, bis er zu Eis erstarrt war. Der letzte Gedanke, der ihn durchzuckte, war: `Jetzt weiß ich, welche Bewandtnis es mit den so echt wirkenden Statuen auf sich hat!´ Doch diese Erkenntnis kam für ihn zu spät.

Traurig sah die Winterkönigin auf den zu Eis gewordenen Jan – sie konnte nichts dagegen tun. Alle, die den Weg in ihr Reich gefunden hatten, waren zu Eis erstarrt, nachdem sie eine Weile hier bei ihr waren. Nichts konnte diese Entwicklung aufhalten. Wehmütig streichelte sie der Eisgestalt über die Wangen, und ging wieder in ihren Eispalast zurück.

In dem Dorf, aus dem Jan stammte, wartete ein junges Mädchen sehnsuchtsvoll auf die Rückkehr des jungen Mannes. Jeden Tag hielt sie Ausschau nach ihm – und jeden Tag aufs Neue musste sie enttäuscht umkehren. Da fasste Katja, wie das junge Mädchen genannt wurde, einen Entschluss: sie wollte losgehen und Jan suchen. Entschlossen zog sie warme Sachen an und machte sich auf den Weg.

Als sie einige Zeit gegangen war, traf sie am Rande eines Dorfes ein weinendes Mädchen. Teilnahmsvoll fragte sie: „Warum weinst du?“ Da blickte das Mädchen auf und entgegnete traurig: „Seit einem Jahr warte ich auf die Rückkehr von meinem Liebsten. Er war losgegangen, um die Winterkönigin zu suchen und sie zu bitten, es endlich schneien zu lassen. Aber er kehrte nie zurück.“ Katja nickte dem Mädchen aufmunternd zu und bat sie, doch mitzukommen. Denn auch sie suche nach ihrem Liebsten, der eines Tages einfach losgegangen war, wahrscheinlich mit dem selben Vorhaben.

Als die beiden weitergingen, trafen sie im nächsten Dorf wieder ein weinendes Mädchen, das eine ähnliche Geschichte erzählte. Und auch in allen weiteren Dörfern, durch die sie kamen, trafen sie Mädchen, die sehnsuchtsvoll auf ihre Liebsten warteten, die schon so lange fort waren. Die Schar der jungen Mädchen wurde immer größer, denn alle hatten sich entschlossen, sich der Suche nach dem Reich der Winterkönigin anzuschließen.

Lange mussten sie durch die kalte Eislandschaft wandern, bis sie endlich an dem Tor aus Schneekristallen ankamen, welches der Eingang in das Reich der Winterkönigin war. Sie sahen sich bezaubert um: Wie wunderschön es hier war! Wie herrlich doch der dichte weiße Schnee aussah, der unter ihren Füßen knirschte und wie dicke weiße Watte auf den Zweigen der Bäume lag!

Doch als sie weitergingen, sahen sie die Statuen aus Eis, und nach und nach schrie jedes der Mädchen laut auf. Sie riefen den Namen des Liebsten, der da in Eis verwandelt vor ihnen stand. Verzweifelt mussten sie feststellen, dass alle Statuen leblos und kalt vor ihnen standen. Nichts war mehr von dem warmen Leben zu spüren, das einst durch ihre Adern pulsierte.

Katja ging weiter. Sie hatte als einzige ihren Jan noch nicht gefunden. Als sie vor dem Eispalast angelangt war, der in kalter Pracht vor ihr stand, entdeckte sie endlich die zu Eis erstarrte Figur. Sie lief weinend auf Jan zu und umarmte ihn voller Mitleid. Sie streichelte über sein Gesicht und vergoss heiße Tränen über das, was mit ihm geschehen war. Sie konnte einfach nicht glauben, dass der ganze weite Weg umsonst sein sollte. Immer neue Tränen quollen aus ihren Augen hervor und tropften auf die zu Eis gewordene Gestalt.

Doch plötzlich begann sich die Eisstatue zu bewegen. Sie wurde warm und weich … und Jan stand wieder lebendig vor ihr. Er konnte es gar nicht fassen, dass er gerettet war. Er umarmte und herzte seine Katja, und bat sie immer und immer wieder um Verzeihung, dass er sie so einfach verlassen und hier bei der Winterkönigin auf sie und ihre Liebe vergessen hatte. Katja war überglücklich, dass Jan wieder lebendig vor ihr stand und verzieh ihm gerne alles.

Von allen Seiten kamen nun auch die anderen Mädchen herbei, die genauso heiße Tränen um ihre Liebsten vergossen hatten und diese dadurch erlöst hatten. Viele viele Paare hielten sich eng umschlungen, kaum glaubend, dass der böse Spuk nun ein so glückliches Ende gefunden hatte. Alle redeten und lachten durcheinander.

Plötzlich ging das Tor des Eispalastes auf, und die Winterkönigin trat heraus. Als die Mädchen die Traurigkeit in ihren Augen sahen, war ihr Zorn schnell verraucht. „Es tut mir leid, was euren Liebsten geschehen ist. Ich weiß, es war egoistisch von mir, sie hier zu behalten, obwohl ich doch wusste, dass sie zu Eis erstarren würden. Ich war doch so allein hier in meinem riesigen Reich, und freute mich über jede Gesellschaft, auch wenn sie nicht von Dauer sein konnte. Wie bin ich froh, dass ihr sie mit eurer Liebe wieder zum Leben erwecken konntet!“

Katja war die erste, die sich ein Herz fasste. „Bitte, liebe Winterkönigin, bitte schick uns doch auch in unsere Dörfer diesen herrlichen Schnee! Viele lange Jahre hat es schon nicht mehr bei uns geschneit. Wir werden dir immer dankbar dafür sein, und du kannst uns alle in unseren Dörfern besuchen. Wir werden versuchen, dir gute Freunde zu sein – wenn du nur willst.“

Die Winterkönigin sah erst erstaunt, doch dann freudig auf das junge Mädchen. „Ich werde es mir überlegen. Für`s erste wünsche ich euch eine gute Heimkehr, und dass euer Glück ewig halten möge. Vielleicht komme ich euch in den nächsten Tagen besuchen. Wer weiß! Meine guten Wünsche werden euch auf eurem Heimweg begleiten. Auf Wiedersehen!“

„Auf Wiedersehen!“ riefen da alle fröhlich und machten sich munter auf den Nachhauseweg. Jeder der jungen Männer, die jetzt wieder so lebendig und lebenssprühend waren, hatte dabei seine Liebste ganz eng an sich gezogen. Jan hatte auch seine Katja ganz eng zu sich hergezogen und ging mitten unter den Leuten dahin.

Da rief plötzlich ein Mädchen voller Entzücken: „Es schneit! Seht doch, die vielen wunderschönen Schneeflocken!“ Alle blickten voll andächtigem Staunen zum Himmel, von dem ein immer dichter werdendes Heer von glitzernden funkelnden Schneekristallen herabwirbelte. Dann brach ein nicht enden wollender Jubel aus. Sie konnten das Wunder nicht fassen, das da so sanft auf sie herabtänzelte. So lange Jahre hatte es nicht mehr geschneit. Und nun kam endlich die ersehnte Pracht vom Himmel herab!

Fröhlich kehrten die jungen Leute in ihre Dörfer zurück. Sie erzählten den staunenden Menschen dort die Geschichte von der Winterkönigin, und wie einsam sie in ihrem Reich gewesen war. Und dass sie nun allen Menschen ihren Schnee schenkte und sie bald besuchen käme. Von nun an war die Winterkönigin nicht mehr alleine, denn wo sie auch hinkam, wurde sie freudig begrüßt, und alle dankten ihr für den wunderbaren Schnee, den sie den Menschen geschenkt hatte …

Copyright: Irmgard Schertler